Technological Advance

Vorwort

Technological Advance, entstanden im Jahre 2009, ist eines meiner besten Werke. Bei diesem Werk hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass sich meinen Fertigkeiten in der digitalen Bildbearbeitung, verbessert haben.

Ursprung

Das Bild hat einen anderen Ursprung, als das Endresultat vermuten lässt. Die Basis des Motives, hat ihren Quell aus einem meiner früheren Projekte - Sunray Despised! Als mein Freund Billy und ich das Projekt “Divergenz” im Sinn hatten, haben wir möglichst viele Motive fotografiert, welche schon allein, ohne jegliche Bearbeitung, kräftig sein sollten. Nachdem ich jedoch schon einige Bilder in Photoshop bearbeitet hatte, musste ich feststellen, dass manche Bilder nicht der Thematik des Sunray Despised Universums entsprachen (sofern man von der Komplexität eines Universums ausgehen kann) oder schlichtweg die passende Idee fehlte.
Eines dieser Bilder war schließlich das Foto von Billy. Wir hatten damals viele Accessoires dabei, unter anderem eine Schweißerbrille und einen Mundschutz. Aus einer Spontanität heraus kombinierten wir beide Gegenstände und Billy blickte direkt gen Sonnenuntergang (geschützt durch seine Brille, verständlicherweise). Erstaunt vom Foto, fehlte es uns damals jedoch an Ideen, aber auch das nötige Können, um dieses Bild überzeugend in die Sunray Despised Welt zu integrieren. Somit verschwand dieses Bild zunächst für 2 Jahre in den ewigen Archiven meines Rechners.

Umsetzung

Als ich fast zwei Jahre später aus Langweile meinen PC durchstöberte, stieß ich schließlich auf das besagte Foto. Nachdem ich es eine Weile betrachtet habe, sah ich eine gewisse Herausforderung, dieses Bild zu bearbeiten. Weiter hatte ich immer noch mein “Großprojekt” des Shellblaster bzw. Industrial Romance Szenarios im Hinterkopf. Ich ging einige Ideen in Gedanken durch, wie man dieses Bild bearbeiten könnte. Ohne einen richtigen roten Faden in der Hand, importierte ich das Bild in Photoshop und fing an, geleitet durch die sehr auffallende Reflexion im Brillenglas, an dem Bild herumzuwerkeln.

Zunächst beschränkte sich die Bearbeitung auf die Kontraste des Bildes. Um die Sättigung zu vermindern, aber gleichzeitig die Kontraste zu erhöhen, verwende ich gerne Graustufen-Duplikate der Zielebene, welche mit den Ebebenmodi Ineinanderkopieren oder Weiches Licht auf das Bild gelegt werden. Dadurch entstand eine dunklere und kältere Stimmung. Jedoch rückte der Fokus ein weiteres Stück näher auf das  Brillenglas. Ich kann es mir bis heute nicht erklären, doch ich hatte das Bedürfnis, dem Brillenglas mehr Inhalt zu schenken und viel Energie zu verleihen. Von daher konzentrierte ich mich als nächstes auf besagtes Brillenglas und suchte nach Möglichkeiten, als aus dem relativ schlichten Bereich des Bildes zu holen.

Die Welt im Glas

Es war für mich nicht sehr einfach, aus einer Reflexion eines Horizonts etwas Spektakuläres zu machen. Ich spielte mit diversen Mitteln, wie Lens-Flare-Effekten, doch dies machte das Bild nicht besser. Ich betrachtete das Bild im Ganzen und versuchte die Grundaussage des Fotos zu finden.  Die Maske und die Brille signalisierten Schutz vor Gefahren und da der Protagonist scheinbar auf etwas blickte, kam ich schließlich auf die Idee, das Objekt, wovor unser Billy sich scheinbar schützt, in der Spiegelung der Brille zu integrieren. Das, wovor man sich mit einer Maske schützen kann, liegt in der Luft und was liegt näher, als ein Kraftwerk als Bedrohung zu nehmen? Somit suchte ich in diversen Archiven im Internet wie stock.xchng nach einem passenden Kraftwerk. Jedoch wollte ich keine traditionellen, schmalen Schornsteine, sonder etwas, was modern wirkt, aber gleichzeitig viel Platz einnimmt. Deswegen entschied ich mich für die Kühltürme eines Atomkraftwerks. Ich stellte diese schnell frei, da die Form nicht sehr kompliziert ist und fügte diese dann auch direkt in das Brillenglas ein.

Natürlich wirken die unbearbeiteten Türme alleine gar nicht, weswegen ich die Türme schattierte und kleine Details wie Lämpchen und bedrohliche, japanische Schriftzeichen, welche den Fortschritt der Welt propagieren, einfügte. Warum japanisch? Weil Japan für mich der Fortschritt an sich ist, aber nicht unbedingt der sauberste (außerdem wirkt es cooler, als irgendetwas auf deutsch oder französisch auf die Türme zu schreiben). Die Lämpchen erstellte ich einfach aus sehr weichen, kreisförmigen Werkzeugspitzen, während die Schriftzeichen natürlich etwas mehr Arbeit brauchten. Als Grundlage diente ein japanischer Schriftfont, jedoch konnte ich den nicht alleine nehmen, da sich sonst die Schrift zu sehr vom Turm abgehoben hätte. Um einen Ausdruck von Schmutz zu erreichen, habe ich zusätzlich eine Ebenenmaske bzw. Alphakanal der Schrift hinzugefügt und mit diversen Grunge-Brushes (Dreck/Zerstört), einen kaputten und schmutzigen Look erzielt. Damit ich dem ganz noch eine Krone aufsetzen konnte, habe ich noch Rauch eingefügt. Vor längere Zeit habe ich die, in meinem Wohnraum häufig vorkommenden, Kraftwerke bei Sonnenuntergang fotografiert, weswegen ich auch passende Rauchwolken hatte. Ich brauchte nur mit einem sehr weichen, runden Pinsel um die Rauchkonturen zu malen, die Wolken zu positionieren, ein bisschen Farbe und voilá, fertig ist das Industriemonster.

Da die Türme so alleine natürlich schon gigantisch aussahen, aber trotzallem irgendwie “einsam” waren, hauchte ich mehr Leben in die dreckige Industrie. Ich suchte wieder nach Bildern von Skylines und wurde fündig. Hierbei handelte es sich um ein Foto von Tokio, zu erkennen an dem Funkturm, wodurch man ein stärkeres Gefühl einer Hightech-Stadt erhält. Insgesamt hatte ich zwei Stadtebenen, einmal vor und einmal hinter den Türmen, um dem ganzen Tiefe zu verleihen. Da es sich bei dem Foto um eine Nachtaufnahme der Stadt gehandelt hat, konnte ich mit den Kontrasten spielen. Per Tonwertkorrektur und Gradiationskurve stellte ich die vielen kleinen Lämpchen der Stadt in den Vordergrund. Man sollte nur Konturen der Stadt erkennen und keine näheren Details (im Gegensatz zu Industrial Romance). Während ich diese Stadt erstellte, hatte ich die ursprüngliche Spiegelung im Sinn, welche mir die Inspiration für die Lichtstimmung gab. Es sollte eine Symbiose aus Licht und Schatten werden – es sollte Nacht sein, obwohl es Tag ist. Dies war für mich ein perfektes Mittel, um die Verschmutzung der Luft zu unterstreichen, die nur wenige Lichtstrahlen durchlässt, um diese Welt zu erhellen. Somit verdunkelte ich die Reflexion der Stadt an seinen Rändern und ließ nur noch einen kleinen, horizontalen Lichtbereich übrig, der durch die Sonne (in Form eines Lens-Flare-Effektes) verstärkt wird. Somit war die Stadt komplett. Doch dies war natürlich nicht der letzte Schritt, denn nun passte der Rest des Bildes nicht zur Reflexion!

Der Betrachter

Nun widmete ich mich natürlich dem Betrachter, damit das gesamte Bild in einer gewissen Harmonie geleitet wurde. Zunächst wollte ich den Übergang zwischen Reflexion und Gesicht des Protagonisten bearbeiten. Die Reflexion sah zwar toll aus, aber fügte sich nicht harmonisch in das Bild, es wirkte einfach draufgesetzt aus. Von daher griff ich erneut tief in die Schmutzkiste meiner Brushes und überschüttete das Brillenglas mit Kratzern, Schmierflecken und einfach Dreck. Um die Harmonie zwischen Brillenglas und Hintergrund zu steigern, erweiterte ich die Farbstimmung auf das komplette Bild, indem ich auf das komplette Bild einen orangen Farbton legte. Somit fing das Bild an, stärker zu wirken und man konnte schon in diesem Stadium die “Nachricht” hinter dem Bild sehen. Doch ich war noch weit vom finalen Bild entfernt. Um die Atmosphäre zu steigern und einen coolen, aber gleichzeitig merkwürdigen Effekt zu erzielen, habe ich es schneien lassen! Natürlich keine Schneeflocken im eigentlichen Sinne, viel mehr etwas, was Schmutz und Zerstörung ausdrückt – Asche. Die Asche sollte dem Betrachter des Bildes den Eindruck vermitteln, dass die Luft so verpestet ist, dass man ohne Schutz nicht mehr atmen kann. Um die Flocken zu erstellen, habe ich erneut einen “Dreck”-Brush verwendet, mit den Einstellungen, dass sich dieser Brush verstreut und in verschieden gedrehten Winkeln und Größen auf dem Bild verteilt wird. Weiter habe ich den Ebenenstil der Brushes so eingestellt, dass alle Flocken einen Schatten nach Innen und eine Abgeflachte Kante und Relief hatten. Dadurch erhielten sie mehr Volumen, aber sahen gleichzeitg leicht aus, so wie es Asche in der Luft ist. Um schließlich den Protagonisten komplett in die Welt, welche die Reflexion widerspiegelt, eintauchen zu lassen, habe ich den ursprünglichen Hintergrund mit einer weiteren Kopie der besagten, japanischen Stadt ausgetauscht. Das Bild wirkte für mich einen Moment lang fertig, doch dann bemerkte ich, dass es immer noch zu sauber aussah. Obwohl Billy sich damals für das Foto im Dreck gewälzt hat, sah er, im Gegensatz zu den digitalen Erweiterungen, zu rein aus. Somit hatte ich mich dazu entschlossen, den lieben Billy, digital zu beschmutzen!

Also erzeugte ich einen neue Ebene, stellte mir eine neue Palette aus Schmutzbrushes  zusammen und bemalte Billys Gesicht mit verschiedenen Brushes, die alle einen ziemlich dunklen Farbton hatten. Es sah zunächst sehr unnatürlich aus, weil es wie draufgelegt wirkte, aber beim schalten durch die Ebenenfüllmethoden, habe ich schließlich festgestellt, dass Multiplizieren sehr gut funktioniert. Es macht das Gesicht dunkler und man hat den Eindruck, dass der Dreck tatsächlich auf der Haut liegt. Weiter habe ich das Gesicht in Schatten getaucht, damit man die schlechten Lichtverhältnisse besser spürt. Das Bild wirkte um einiges “natürlicher”, aber trotzdem gab es eine gewisse Disharmonie, die auf die Flocken zurückzuführen war. Die Flocken wirkten nicht wirklich wie Flocken, sondern vielmehr wie Schmutz auf einen Objektiv. Sie waren zu unauffällig. Ich gab ihnen, entgegen meinen ursprünglichen Idee, mehr Gewicht. Sie sollten wirklich Dreck in sich tragen, erzielt durch einen dunkleren Farbton stärkere Kontraste in den Konturen. Um jedoch den Effekt zu vermeiden, dass sie wie Schmutz auf der Linse aussehen, habe ich die größten Flocken mit dem Gaußschen Weichzeichner bearbeitet. Dadurch entstand ein Tiefeneffekt, wodurch die Flocken scheinbar so nah an der Kamera vorbeigleiten, dass sie außerhalb des Schärfebereichs sind.

Nach ein paar Stunden (verteilt über Tage), vollendete ich Technological Advance:

Fazit

Nachdem ich das Bild fertiggestellt habe und es heute betrachte, finde ich, dass dies mein erster Schritt in die Entwicklung war, die ich in den letzten Monaten durchgemacht habe. Ich habe viel gelernt und habe mein Können verbessert, aber ich weiß, dass mein Weg noch nicht zu Ende ist und dass Technological Advance noch nicht mein bestes Bild ist. Es erstaunt mich immer wieder, wie sich eine kleine Idee zu etwas Großem entwickeln kann und dass der Zufall, welcher mich das Bild hat wiederfinden lassen, großen Einfluss auf die Entwicklung der Menschen haben kann.

Technological Advance ist nur der Anfang einer Reihe und ich denke, dass die folgenden Bilder, diesem Werk ebenbürtig sein werden.

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4 Kommentare

  1. gravatar

    Jonas Funkenweh

    um 14:43:23 via Website

    02 Jun 2010

    Sehr beeindruckender und inspirierender Beitrag. Das Ergebnis begeistert durchweg und entfaltet eine ungemein düstere Wirkung. Hammer…
    Da bekomme ich glatt Lust auch mal was in die Richtung Composing etc. zu machen. Irgendwie habe ich mich noch nie so 100%-ig an so etwas herangetraut. Mein Respekt an dich!

    Grüße,
    Jonas

  2. gravatar

    Chickow

    um 20:14:42 » Autor-Kommentar «

    02 Jun 2010

    Vielen Dank für deinen Kommentar! Schön zu hören, dass auch anderen (außer mir ;) ) meine Werke gefallen!

    Was ich dir aber sagen kann, ist, dass es immer den richtigen Moment geben muss, um sich bereit zu fühlen, etwas zu erschaffen, was man bisher noch nie gemacht hat… bei mir hat’s auch sehr lange gedauert, bis ich schließlich dieses Bild erstellt habe!

  3. gravatar

    Stefan

    um 11:50:13 via Website

    07 Sep 2011

    Hi Christopher,

    ich bin über deinen Blogkommentar bei Calvin auf deine Seite aufmerksam geworden und muss sagen: Sehr geile Arbeiten und toll beschrieben!

    Insbesondere die “making of” Beiträge finde ich super geschrieben!

    Das Bild Technological Advance” ist wirklich stark geworden und technisch sehr sauber.

    Gruß
    Stefan

  4. gravatar

    Chickow

    um 22:56:58 » Autor-Kommentar «

    07 Sep 2011

    Wow, danke fürs Kompliment! Schön, dass du dich hierhin verlaufen hast^^ Hab mir mal deine Arbeiten angeschaut und kann nur sagen, dass du dich nicht verstecken musst ;)

    Liebe Grüße!

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